Kapitel 1: Sag mir wie es anders geht!

Mein Leben mit Beipackzettel — Kopffasten für die eigene Anleitung.

A & S (1millionhoursoutdoors)
6 min readJun 26, 2023
Photo by Sebastian Hans on Unsplash

Autorin:

Ich kann mich nicht entscheiden. Wie so oft. Keiner sagt einem was richtig oder falsch ist. Geht auch nicht. Denn es gibt kein richtig oder falsch. Dieses Leben kommt ohne Beipackzettel und ich habe nun eines mit einem verdammt langen Beipackzettel. Ich habe keinen Bock, dass das hier zum Drama wird und doch könnte man es jederzeit so lesen. Das will ich nicht. Ich wünschte ich hätte etwas mehr oder besseren Humor, dann könnte ich es in ein lustigeres Drama verpacken. Aber ich bin einer dieser verkopften Menschen, der das Leben zu ernst nimmt (dabei aber meist herzlich lachen kann) und zugleich ein Mensch, der nie aufhört zu fragen: „Warum?“ oder alternativ „Warum nicht?“.

Also sitze ich nun hier und habe — mal wieder — keinen Plan. Wie anfangen, die Dinge in meinem Kopf zu sortieren, die so viel Raum einnehmen und sortiert werden wollen? Ich mache einfach zwei Säulen draus und Du selbst kannst entscheiden mit welcher Du anfängst zu lesen.

Säule 1 — Kopffasten

  • Keine Musik.
  • Kein Internet.
  • Kein Handy.
  • Keine Bücher.
  • Keine Zeitschriften.
  • Kein Fernsehen.
  • Kein Social Media.
  • Keine Gespräche (mit Menschen, die mich kennen).
  • Keine unmittelbare Reflektion.
  • Kein Haushalt.
  • Kein Alltag.
  • Kein „Gegenüber“.
  • Keine Fragen.
  • Keine gewohnte Umgebung.
  • Kein Standard.
  • Keine fremd-menschlichen Rahmenbedingungen (ich darf alles machen was ICH will).

Einfach „oben“ nichts reinkommen lassen, sondern nur „unten“ alles rauslassen (also durch den Körper und primär durch meine Hände).

Ich will das selbst. Keiner hat gesagt, dass ich es tun soll. Ich bin nicht in einem Schweigekloster, sondern in einer Reha an der Ostsee.

Grund kurz: ich habe es schon mal gemacht, während meiner ersten Reha vor knapp anderthalb Jahren. Es war einer meiner größten stabilisierenden Faktoren, wie ich im Nachhinein festgestellt habe. Ich habe viel über mich und mein Leben gelernt. Und diesmal will ich intensiver darüberschreiben, warum ich das tue, wofür, wie, wo und wann.

Dafür:

  • Gedanken
  • Bewegung
  • Erholung
  • Natur
  • Meer
  • Noch mehr Gedanken
  • Malen
  • Schreiben
  • Träumen
  • Sortieren
  • Beobachten
  • Still sein
  • Weglaufen
  • Herlaufen
  • Finden

Säule 2 Mein Weg bis hierhin

  • 44 Jahre alt.
  • Verheiratet.
  • Keine Kinder.
  • Ausbildung.
  • Studium.
  • Personalerin.
  • 14-mal umgezogen (freiwillig).
  • Eigendeutung: Gattung Fluchtmensch (zu Hause sterben die meisten Leute — ich wahrscheinlich auch, aber am liebsten nicht).
  • Glücklich.
  • Aktuell Administrator für ein sehr großes Personalsystem in einem Forschungsinstitut.
  • Kreative Denkerin.
  • Auslandserfahrung.
  • Menschenliebhaber.
  • Krebsdiagnose vor zweieinhalb Jahren — während Corona.
  • Brustkrebs. Lange unerkannt, da so schön fies langsam ohne Knoten das Gewebe der linken Brust zerfressend.
  • Chemo, Mastektomie beider Brüste, Bestrahlung, Tabletten, Reha,
  • Drei Monate später: Rezidiv, Metastasen — neue Therapie (kein Tamoxifen, dafür nun Ibrance)
  • Diagnose: nicht mehr heilbar
  • Vor einem Monat: neue Metastase
  • Wahrscheinlich demnächst: wieder neue Therapie (viele gibt es dann nicht mehr).

In einem Monat Knie OP, danach vier bis sechs Wochen Krücken und das unter Medikamenten, die die Zellteilung verlangsamen. Mein Meniskus ist ausleiert. Systemfehler.

Dafür:

…kann ich heute sagen, dass ich der Mensch bin, der ich immer sein wollte. Nur dummerweise nicht gesund. Aber sehr glücklich.

…meine ich, dass ich für mich den Sinn des Lebens erkannt habe (es nehmen wie es ist und das Beste daraus machen). — Aber hinterfrage es weiterhin ständig.

…bezeichne ich mich als glückliche „Kranke“.

…habe ich das Gefühl nichts mehr zu verpassen, weil ich ihm hier und jetzt bin.

…wünsche ich mir eine inspirierende Geschichtenerzählerin zu sein. Und schreibe mal wieder ein paar Zeilen.

Photo by Dan Hadar on Unsplash

Diese Zeilen dienen in erster Linie zur Stabilisierung für mich. Ich habe schon mal ein Buch geschrieben und es tat mir gut das was ich erlebt habe niederzuschreiben und auf diesem Wege mich selbst, das Leben und auch ein wenig alles andere zu beobachten und zu reflektieren.

Ich habe Erfahrung gesammelt, wie man schreibt, aber ich bleibe bei meinem Stil. Es geht viel um mich. Was ich in der Theorie nicht so mag, aber ich selbst lese kaum Fiktion, weil ich das Leben für so spannend halte, dass ich nicht noch was fantastisches drum herum basteln muss. Im Gegenteil — oh man, wie sehr ich Menschen bewundere, die sich eigene Welten ausdenken können und ganze Paralleluniversen entstehen lassen können. Total egal, ob als Buch oder im Film. Ich lese und schaue mit größter Faszination Harry Potter, Star Wars, Herr der Ringe, alles von Pixar, die gesamte Marvell-Reihe — einfach alles was unglaublich spannend ist und die deutliche Handschrift der Phantasie von Menschen trägt.

Es ist da genauso wie bei allen anderen Dingen was Menschen so tun: ich wünschte ich könnte genauso malen, tanzen, denken, schreiben, zeichnen, kreativ sein, sportlich sein, visionär sein. Ich bin es im Kleinen und finde das Okay.

Daher ist dies hier kein Buch in die recherchierten Ratschläge oder wissenschaftlich erwiesene Fakten zum Besten gegeben werden. Das ein oder andere Mal werde ich mich auf Bücher oder Nachweise beziehen und das mache ich dann auch kenntlich.

Grundsätzlich schreibe ich das hier mal wieder für meine Freunde und mich.

Ich weiß, dass einige mein erstes Buch noch nicht lesen (konnten), während es andere verschlungen haben. Ich lasse hier was entstehen von dem ich noch nicht weiß, wo es hinführt.

Das letzte Buch hat mich nach Kassel geführt. Da habe ich die letzten Seiten geschrieben. Mal schauen, wo ich an dem Wochenende bin, wenn ich zum ersten Mal meine Krücken nicht mehr benutzen muss. Ich werde ein schönes Wochenende draus machen. Ich werde wieder genießen. Gespannt sein, was für Begegnungen entstehen (zufällig hatte ich letztes Jahr Kassel gebucht und später erst rausgefunden, dass es an dem Tag der Eröffnung der Dokumenta war — manchmal stehe ich auch auf meine Naivität — hätte ich das gewusst, dann wäre ich nie auf die Idee gekommen an dem Wochenende ein Hotel zu buchen 😉.

Ferner möchte ich nicht unerwähnt lassen, dass ich im Verhältnis zu anderen Menschen und damit meine ich vornehmlich zu anderen Frauen einfach viel mehr Zeit habe die Dinge zu tun, die ich tue, denn ich bin kinderlos. Auf eigenen Wunsch. Ein Wunsch, den ich nicht von mir aus hatte, sondern der dadurch begründet ist, dass sich das biologische Gefühl des „Mutter-sein-wollens“ nie eingestellt hat und ich dem wohl instinktiv nachgekommen bin. Übrigens wusste ich das schon als kleines Kind. Glaubt einem keiner, kann ich hier aber schreiben, weil es meine Zeilen sind und mein Buch ist. Das mich die Hormone an den Rand des Wahnsinns getrieben haben, will ich nicht unerwähnt lassen, aber ich bin die glücklichste kranken Nicht-Mutter, die ich, wenn ich es vorgehabt hätte, werden wollte. Denn ich bin frei und habe Zeit zum Schreiben.

So viel also zum Grund des Schreibens.

Das Buch wird länger, wenn es zu Verzögerungen kommen sollte. Aber der Beginn des ganzen stellt die erste Woche in der Reha Klinik in Graal-Müritz an der Ostsee dar. Möglichst wenig bis keine Ablenkung. Einfach ich mit mir und meinen Gedanken. Eine Woche lang. Wie bekloppt bin ich eigentlich?

Über die Autorin: Susanne O.S.

Photo by Julian Santa Ana on Unsplash

Wer: 44 Jahre alt, verheiratet, keine Kinder. Unter Freunden auch als Cleo oder Susa bekannt.

Wo: Nach 14 mal freiwilligen Ortswechsel u.. Brasilien und zurück, lebt sie seit 2017 mit ihrem Mann in ihrer Wahlheimat Berlin.

Was:: Glücklicher Fluchtmensch, Kreative Denkerin, Menschenliebhaber, bekennende Frühaufsteherin, um den Tag mit der Energie des Sonnenaufgangs zu beginnen.

Warum: Sie wurde während Corona 2020 mit Brustkrebs diagnostiziert. Nach Bestrahlung, Mastektomie und Chemo, (noch) keine Heilung und Umstellung auf neue Behandlung und Medikamente. Der tägliche Morgenspaziergang und das Schreiben waren schon seit Teenager-Tagen Teil ihrer Routine und Reflektion, um Gedanken und Geschehnisse festzuhalten und zu verarbeiten.

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